Die Sowjettruppen, die das Krankenhaus besetzten, erklärten es noch am 2. April 1945 zum Militärspital der Roten Armee. Zwei Tage später wurden endlich die Patienten aus dem Luftschutzkeller der Bräunlich-Realität in das Hauptgebäude des Spitals verlegt. Allerdings konnte man nur den Männertrakt der Internen Abteilung, den Zahlstock sowie den schwer beschädigten Pavillon D benutzen, das übrige Gebäude wurde von den russischen Besatzungstruppen beansprucht.

Durch den vermehrten Zustrom von verwundeten Zivilisten machte sich der Raummangel besonders bemerkbar. Eine leichte Verbesserung stellte sich ein, als der Augen-Operationsraum von den Sowjets der Zivilverwaltung überlassen wurde.

Ein zusätzliches Problem entstand damals durch die erschreckende Zunahme von Seuchen. Eine Flecktyphusepidemie, die im Konzentrationslager für ungarische Juden in Lichtenwörth-Nadelburg ausgebrochen war, griff auf die Orte Neudörfl, Pöttsching und auch auf Wiener Neustadt über. Dazu kam noch das vermehrte Auftreten von Ruhr, Paratyphus und Malaria. Da erwies sich das Filialspital in Neudörfl, das 144 Betten zur Verfügung hatte und von drei Ärzten betreut wurde, bald als zu klein, sodass man den Knabenhort am Baumkirchnerring (heute Domkindergarten) als Notspital adaptieren musste. Im hiesigen Krankenhaus standen für zivile Zwecke bloß 189 Betten (Normalstand: 480) zur Verfügung.

Der Raummangel war aber beileibe nicht die einzige Schwierigkeit, den Spitalsbetrieb aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus fehlte es auch an den notwendigsten Spitalseinrichtungen, an Medikamenten, an Wäsche, an Sterilisationsanlagen. Die Sterilisation von Wäsche, Verbandszeug und OP-Materialien musste notdürftig im Backofen des Schwesternhauses erfolgen.

Im Sommer 1945 musste der gesamte Warmwasserbedarf des Spitals mit Hilfe von Kesseln, in denen das Wasser über offenem Feuer im Spitalsgarten erhitzt wurde, gedeckt werden.

Große Sorge bereitete auch die Beschaffung von Heizmaterial für das wieder in Betrieb genommene Kesselhaus, um die Beheizung während der Wintermonate 1945/46 zu garantieren. Die Versorgung der Patienten mit Essen und die Zubereitung von Speisen war nur durch große Bemühungen der Gemeindeväter und durch Improvisation des Krankenhauspersonals in die Tat umzusetzen – denn die Rote Armee hatte die Spitalsküche beschlagnahmt. Der damalige Bürgermeister Rudolf Wehrl bat in einer Plakataktion die Bürger des Neustädter Zehnerviertels um Gemüse- und Obstspenden fürs Spital und setzte sich persönlich für den Transport von Kälbern aus Weikersdorf ein.

Ab April 1946 stand das Krankenhaus wieder zur Gänze der Zivilbevölkerung zur Verfügung. Nun erfolgte bis 1949 der Wiederaufbau der zerstörten Objekte im Spitalsgelände, die Kosten beliefen sich auf insgesamt sechs Millionen Schilling. Die für die Infektionsabteilung bestimmten Objekte wurden nach modernen Gesichtspunkten an ihrem ursprünglichen Platz wieder errichtet, ebenso entstand das Kesselhaus an seinem alten Platz neu. Das Aufnahmegebäude wurde aufgestockt, um dadurch Raum für die Telefonzentrale und eine Sakristei mit Seelsorgezimmer zu gewinnen. Auch das im Areal des Krankenhauses befindliche ehemalige Leichenhaus wurde instand gesetzt. In dem neu adaptierten Gebäude sollte zukünftig die Prosektur untergebracht werden. Als Ersatz für den zerstörten Lungenpavillon E hatte die Gemeinde 1947 das teilweise bombenbeschädigte Haus Eyerspergring Nr. 13 erworben. Bald darauf (1949) konnten die lungenkranken Patienten aus dem Filialspital in Neudörfl wieder nach Wiener Neustadt in den neuen Pavillon E gebracht werden.

Flecktyphus und Ruhr, Raumnot, fehlende Medikamente und Geräte

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Armschleife für Spitalsbedienstete (Spitalsmuseum im Turm)



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Lungenabteilung Pavillon E, daneben rechts die Krankenpflegeschule, in der ab 1966 unterrichtet wurde

Dies und Das
Die "Blaue Laterne"
Die ehemalige Lungenabteilung, der Pavillon E (Eyerspergring 13), hat eine mehr als kuriose Vergangenheit: Das beachtliche, villenartige Gebäude diente nämlich seit 1905 als Nobelbordell. Die Räumlichkeiten im Parterre hatten die Funktion eines Kaffeehauses. Dort schenkte die Tochter der Eigentümerin Wein, Bier, Kaffee, Likör und Tee aus, während das Hochparterre und der erste Stock dem eigentlichen Bordellbetrieb vorbehalten blieb. Freilich bewegten sich die Praktiken desselben, vor allem, was den Nachschub an neuen Mädchen betraf, wohl am Rande des Gesetzes. So inserierte die Bordellmutter Folgendes in der Wiener Zeitung: "Mädchenheim in Wiener Neustadt. Postenlose Mädchen, welche Kost, Quartier und freie Wäsche haben wollen, mögen sich im Mädchenheim in Wiener Neustadt, Eyerspergring Nr. 13 melden." Kein Wort davon, um welches Mädchenheim es sich dabei handelte! Ab 1916 wurde das Haus mit einer blauen Laterne am Eingang ausgestattet, was dem Haus zum Namen "Zur blauen Laterne" verhalf. Ein Jahr später, also mitten im Ersten Weltkrieg, "arbeiteten" dort bereits 24 Mädchen und in den späten Zwanzigerjahren hatte jede der "Pensionärinnen" elf Schilling und an Samstagen 23 Schilling an die Bordellmutter zu bezahlen. So erlebte die "Blaue Laterne" auch während der wirtschaftlich schlechten Zeiten in den 30er-Jahren durchaus eine Hochblüte nach der anderen. Auch soll es vorgekommen sein, dass Patienten des Spitals vor ihrer Einlieferung der "Blauen Laterne" noch schnell einen Kurzbesuch abstatteten. Erst 1947 erwarb die Stadtgemeinde das Haus um den Betrag von 52.000 Schilling. In der Folge wurde es im Verband des Krankenhauses in eine Lungenabteilung umgewandelt.

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"Gruß aus dem Vergnügungs-Etablissement"