Ein Motorradunfall – ein Mann, 25 Jahre, wird in die Notaufnahme eingeliefert. Er stöhnt, windet sich. Eine Sauerstoffmaske hilft ihm beim Atmen, der Kopf ist verbunden – Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma. Die Ärzte fragen ihn, wo er Schmerzen hat. "Am Kopf",  flüstert er. Plötzlich verstummt er und reagiert nicht mehr. Das Piepsen vom Monitor wird immer schneller und schriller – die Sauerstoffsättigung fällt rapide. "Wir müssen intubieren!", ruft der Oberarzt. Der Pfleger bereitet alles vor, ein Arzt tastet Bauch und Becken ab – alles druckstabil. Der Oberarzt intubiert. Geschafft! Das Piepsen wird leise und regelmäßig, der Blutdruck stabil, die Sättigung ist wieder bei 98. Die Ärzte haben ein Leben gerettet – könnte man meinen. Doch es ist nur eine Übung, der Patient eine "Puppe",  ein Patientensimulator.

Luftfahrt als Vorbild

Entwickelt wurde diese Form des Lernens für Piloten, für die Simulationstrainings Pflicht sind: Laut Statistik sind in der Luftfahrt 75 Prozent der Fehler auf menschliche Faktoren zurückzuführen. Um im Notfall richtig zu reagieren, brauchen Piloten Kompetenzen wie Führungsstärke, rasches Entscheiden und Willensstärke – was sie in den Simulationstrainings lernen. Denn wer eine Situation oft geübt hat, kann sich emotional besser "entkoppeln" und daher richtig entscheiden.

Neue Methode für Ärzte

Diese Form des Lernens gibt es nun auch für die Medizin. Denn so gut die theoretische und praktische Ausbildung der Ärzte ist – das Arbeiten im Team und die reibungslose Verständigung mit den Kollegen in Stresssituationen lernen sie erst in der Praxis, also am Patienten. In einem Simulationstraining werden an lebensechten Puppen verschiedene Szenarien durchgespielt, wie beispielsweise Komplikationen bei Operationen, ein Herzinfarkt oder eine Lungenembolie. Ärzte in Weiterbildung lernen Komplikationen nun nicht mehr nur theoretisch kennen, Fachärzte frischen anhand konkreter Situationen Wissen und Können auf.

Simulationszentrum in NÖ

Das Zentrum für Simulation und Patientensicherheit im Landesklinikum Hochegg leitet Prim. Dr. Helmut Trimmel, Vorstand der Abteilung Anästhesie, Notfall- und Allgemeine Intensivmedizin am Landesklinikum Wiener Neustadt. Trimmel und ein Team von circa 15 Personen – Ärzte, Pflegepersonal und ein Psychologe – bieten ein- bis zweitägige Trainings von Freitag bis Sonntag, 9 bis 17 Uhr. Geübt wird im OP-, Intensiv- oder Schockraum an einem Baby- oder Erwachsenensimulator. Diese Puppen simulieren viele Krankheitsbilder absolut realistisch, haben einen Puls und eine Medikamentenerkennung. Einer der Ausbildner steuert von einem Bluetooth-Monitor aus die Puppe und haucht ihr Leben ein – auch sämtliche Vitalfunktionen sind hier abrufbar. So erleben die Übenden alles wie im Echtfall. Ein Teilnehmer des Trainings bestätigt: "Wir Ärzte sind derartig konditioniert auf die Signale der Geräte, dass wir nach wenigen Minuten vergessen, dass der Patient nicht ‚echt' ist."

Schulen von menschlichen Faktoren

"Der Blick für menschliche Faktoren soll geschult werden",  erklärt Trimmel. "Meist ist es die ungewohnte Stresssituation, die zu falschen Reaktionen führt, denn das medizinische Wissen ist sowieso vorhanden. Oft hapert es an einer guten Kommunikation und Teamarbeit, doch gerade im Notfall muss sich einer auf den anderen verlassen können. Deshalb üben wir immer in Teams, die auch im Alltag zusammenarbeiten." Ein Psychologe beobachtet die Trainings und achtet genau auf die zwischenmenschliche Komponente. In einer Nachbesprechung wird alles analysiert und etwaige Defizite werden ausgeräumt. Eine derartige Qualität hat ihren Preis, erklärt Dr. Robert Griessner, Medizinischer Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken-Holding: "150.000 Euro hat die NÖ Landeskliniken-Holding in die zwei Patientensimulatoren investiert. Auch die Kosten für die Trainingseinheiten von 300 Euro pro Person und pro Tag zahlt die Landeskliniken-Holding. Eine Investition, die sich lohnt, da sie den Patientinnen und Patienten zugutekommt – und die Teams entlastet."

Zukunftspreis für das Trainingszentrum

Es sind Ideen für die Zukunft, Ideen, die das Leben von uns allen erleichtern sollen – jene Projekte, die mit dem Erwin-Pröll-Meilenstein-Zukunftspreis ausgezeichnet werden. Unter 130 Projekten, die 2010 für den Preis ins Rennen gingen, konnte das NÖ Zentrum für Simulation und Patientensicherheit – ein Gemeinschaftsprojekt der Landeskliniken Wiener Neustadt und Hochegg – den Sieg in der Kategorie "Qualifikation" erringen.

Gewählt wurden die Siegerprojekte von einer hochkarätigen Jury unter Vorsitz von Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll. Jurymitglieder waren unter anderen die Nobelpreisträger Richard R. Ernst, Robert Huber und Reinhard Selten, der Soziologe Roland Girtler, der Zukunftsforscher Matthias Horx, der Verkehrsplaner Hermann Knoflacher, der Transplantationschirurg Raimund Margreiter, die Ökonomin Maria Schaumayer sowie Franz Viehböck, der erste Österreicher im Weltall.

Gerade deshalb besonders groß war in den Landeskliniken Wiener Neustadt und Hochegg die Freude über den Sieg. Der Leiter des Zentrums Helmut Trimmel sagte: "Es war für mich eine große Überraschung und eine große Freude, für das Projekt diesen Preis als Anerkennung entgegennehmen zu dürfen." Er danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, "ohne die es nicht möglich gewesen wäre, dieses Projekt zu realisieren".  Das Preisgeld von 10.000 Euro wurde in die Weiterentwicklung des Zentrums investiert.

Prim. Dr. Helmut Trimmel nahm den Meilenstein-Preis und den 10.000- Euro-Scheck von Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll und Neonatologin Dr. Marina Marcovich in Empfang.

Auf Initiative und mit viel Engagement von Prim. Dr. Helmut Trimmel, Leiter der Anästhesie, Notfall- und Allgemeinen Intensivmedizin am Landesklinikum Wiener Neustadt, entstand 2010 im Landesklinikum Hochegg das Zentrum für Simulation und Patientensicherheit. Es wurde mit dem Zukunftspreis "Meilenstein" ausgezeichnet.


Das Gewinnerteam v.l. sitzend: Dr. Evelyn Fürtinger, MAS, OÄ Dr. Martina Seedoch, OÄ Dr. Brigitte Horvath, DGKS Elisabeth Morgenbesser v.l. stehend: DGKP Hubert Waldhuber, OA Dr. Markus Dittrich, DGKP Stefan Rottensteiner, Prim. Dr. Helmut Trimmel, Ass. Dr. Bernhard Eller, DGKP Peter Leonhardsberger, OA Dr. Daniel Csomor, Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Schenk, MSc, und Prim. Univ.-Doz. Dr. Paul Christian Hajek

Die Vorteile von Simulationstrainings:
- Lernen unter realen, aber kontrollierten Bedingungen
- Optimieren von Abstimmungsprozessen zwischen Ärzten und Pflegepersonal
- Vorbereiten und Einüben von Behandlungsschritten in schwierigen Notfallsituationen
- Förderung von Teamgeist und Teamarbeit
- Ergänzend zur Theorie wird ein aktiver Lernprozess in der Praxis ermöglicht.
- Teilnehmer erhalten direktes Feedback auf Verhalten und
Entscheidungen. Ein Psychologe beobachtet das Training, bei der Nachbesprechung findet eine
Reflexion über das eigene Verhalten und Entscheidungsprozesse statt.
- Das stetige Üben von Behandlungsprozeduren ermöglicht die Definition optimaler Behandlungsabfolgen.



Die Anästhesistinnen OÄ Dr. Martina Seedoch, OÄ Dr. Brigitte Horvath und DGKS Elisabeth Morgenbesser demonstrieren den Kampf um das Leben eines "Babys". Im Hintergrund sitzt DGKP Hubert Waldhuber und steuert den Simulator.


Wie im Echtfall – das Team rettet das Leben eines Unfallopfers.